Carmen Stefanescu
Über mich

Meine erste Begegnung mit einem Tasteninstrument, war mit dem Akkordeon meines Großvaters, welches er für mich aufzog, damit ich meine ersten Melodien darauf spielen konnte. Seit frühester Kindheit liebte ich klassische Musik und konnte nicht genug kriegen von den Aufnahmen von Beethoven und Mozart, welche meine Mutter, die damals beim Rundfunk in Bukarest als Tontechnikerin arbeitete, mit nach Hause brachte. Bald kam ein Klavier ins Haus und diese 88 Tasten wurden der Mittelpunkt meines Lebens und meine große Liebe. Aber gerade Wege und vorgezeichnete Pfade waren mir schon immer suspekt. So habe ich meinen eigenen Weg gefunden, der voller Umwege war und herrlich ungerade.

Meine Debut CD „Kaleidoscope of Life“ ist in etwa mein musikalischer Lebenslauf.

 ornament

UMWEGE ERWEITERN DIE ORTSKENNTNIS.
(Kurt Tucholsky)

Interview

Schwebende Klänge und der Duft von Kaffee und Schokolade

Robert Nemecek im Gespräch mit der Pianistin Carmen Stefanescu



Robert Nemecek: Carmen, Deine Debüt-CD trägt den Titel Kaleidoscope of Life, und das trifft es sehr gut. Denn Du hast Stücke ausgewählt, die in bestimmten Phasen Deines Lebens für Dich von großer Bedeutung waren. Dreh- und Angelpunkt ist dabei, soviel sei jetzt schon verraten, Chopins 2. Klavierkonzert. Dieses Konzert, das Chopin im Alter von 19 Jahren schrieb, gehört heute zum Standardrepertoire. Für Dich ist es aber viel mehr als nur ein Repertoirestück unter anderen. Bei Dir markiert es einen Wendepunkt, von dem aus Dein Leben in eine andere Richtung weitergegangen ist. Um das zu verstehen, muss man aber die Vorgeschichte kennen. Du warst ja eine richtige Frühbegabung, warst Jungstudentin an der Aachener Musikhochschule, wo Du von Ulla Graf, einer Schülerin von Bruno-Leonardo Gelber, unterrichtet wurdest, und natürlich bist Du auch Preisträgerin einer ganzen Reihe von Wettbewerben. Mit 12 Jahren hast Du Dein erstes Klavierkonzert mit Orchester gespielt. Das hätte problemlos bis zum Konzertexamen so weitergehen können. Aber dann hast Du eine Kehrtwendung um 180 Grad gemacht: von der Klassik zum Pop. Wie kam es dazu?

Carmen Stefanescu: Der Grund dafür war dieses wahnsinnig enge Korsett aus Unterricht, Üben ,Konzertieren und an Wettbewerben teilnehmen, dazu gymnasiale Oberstufe und ein sehr strenger Vater. Daraus musste ich einfach ausbrechen, ich riss sozusagen von zuhause aus und übernachtete in WGs oder bei Freunden, kellnerte in Clubs und versuchte gleichzeitig alles wie vorher zu meistern.
Nach kurzer Zeit  hat mein Körper das nicht mehr mitgemacht, und ich bin - mit  gerade 18 - sehr krank geworden. Fast hätte ich`s nicht überlebt. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hieß es, dass mir noch höchstens 12 Jahre bis zu einem zu erwartenden Rückfall blieben. Mit dieser Prognose konnte ich nicht weitermachen wie bisher, und ich wollte in der Zeit, die mir noch blieb, leben. Also habe ich die Schule geschmissen, bin nach Italien gefahren, habe jeden Tag gefeiert und mich treiben lassen und nach meiner Rückkehr trat ich einer  Raggeae-Gruppe bei, die gerade einen Keyboarder suchten. Dann kam eine Band nach der andern. Ich sah ganz gut aus, spielte brauchbar auf den Tasten, und auf diese Weise war ich 10 Jahre lang mit verschiedenen Bands unterwegs.

RN: Hast Du denn in dieser Zeit wenigstens ab und zu mal etwas Beethoven und Chopin gespielt?

CS: Nein. Ich wollte mit der Klassik nichts mehr zu tun haben, weil es mich an die Zeit des ewigen Übens und der hohen Erwartungen erinnerte, gleichzeitig aber schmerzte es, denn ich liebte diese Musik immer noch sehr.

RN: Nun hast Du aber doch wieder mit der Klassik zu tun, und da kommt eben Chopins 2. Klavierkonzert ins Spiel. Was ist denn da genau passiert?

CS: Ich war gerade mit dem Auto unterwegs und hörte im Radio besagtes Klavierkonzert. Ich saß da und mir liefen die Tränen. Ich dachte: eines in meinem Leben bereue ich, nämlich dass ich dieses Klavierkonzert nie spielen werde. Danach ging mein Leben so lange ganz normal weiter, bis ich feststellte, dass ich es so nicht weiterführen wollte. Mir fehlte die Leidenschaft, das Brennen für das was ich tat. Also verkaufte ich mein Equipment und fing an, wieder Klavier zu üben. Wie der Zufall es will, fiel genau in dieser Zeit die Altersbeschränkung für das Hochschulstudium im instrumentalen Hauptfach. Ich habe mich an der Musikhochschule Köln/Aachen beworben, vorgespielt und mit zweihöchster Punktzahl die Aufnahmeprüfung bestanden. Das Studium habe ich dann rasant in 7 Semestern durchgezogen. Damals habe ich auch meinen ersten Mann kennengelernt. Er war Solocellist  am Theater in Altenburg-Gera, und so kam es letztlich, dass ich  sehr viel Kammermusik spielte. Bald darauf kam die erste CD mit unserem Duo Con Pasion heraus.

RN: Du bist in dieser Zeit also nie solistisch aufgetreten? Warum nicht?

CS: Weil ich mich in der Kammermusik und der Liedbegleitung immer sehr wohl fühlte  und weil einige der Lehrer, die mich am meisten geprägt haben, Irwin Gage zum Beispiel, vorwiegend in diesem Bereich arbeiteten. Außerdem verfügte ich damals schon über viel Kammermusik-Erfahrung. Die hatte ich als Solistin einfach nicht, und deshalb fühlte ich mich auch nicht gut genug vorbereitet dafür. Bis dann letzten Herbst die Klarinettistin und Leiterin des Vivazza-Ensembles Pamela Coats mit dem Vorhaben zu mir kam, Chopins f-Moll-Klavierkonzert in einer kammermusikalischen Version aufzuführen. Ich hatte nur wenig Zeit, es einzuüben, aber mit dieser Vorgeschichte musste ich es einfach machen. Erstens war es schon immer mein liebstes Klavierkonzert, und zweitens kam es mir vor wie ein Zeichen, ein erneuter Wendepunkt. Und so kam nach dem Konzert die Idee zu dieser CD.

RN: Im zweiten Teil der CD offerierst Du dem Hörer eine breitgefächerte Auswahl an Stücken, die von Alexander Skrjabin über Paul Constantinescu bis zu Heitor Villa-Lobos reicht. Das hat nun wirklich etwas von einem bunten Kaleidoskop. Aber wenn ich das richtig sehe, dann läuft unter der bunten Oberfläche eine Erzählung ab, die von Deiner wiedergefundenen Liebe zur Klassischen Musik handelt.

CS: Ja, das stimmt. Diese Stücke sind mir im Laufe des Lebens gewissermaßen zugeflogen. Heitor Villa Lobos` Klavierstück „Alma brasileira“ und Enrique Granados` „La Maja y el Ruisenor“ aus dem Klavierzyklus Goyescas habe ich noch während meiner Band-Zeit in einem Antiquariat in Los Angeles gefunden. Ich kannte damals weder die Komponisten noch die Stücke und hab sie einfach mitgenommen. Als ich die Stücke dann zu Hause spielte, war ich völlig überwältigt. Ich dachte: was für eine Traummusik! Damit habe ich wieder angefangen, mich der Klassik anzunähern, um dann festzustellen, dass diese und nur diese Musik mein Herz öffnet. Die Musik, die ich  zehn Jahren lang mit den Bands gemacht habe hat Spaß gemacht, den Horizont immens erweitert, mich geprägt und mir gezeigt, dass ich vor keinem Genre Berührungsängste habe muss.  Aber emotional hat es mich nicht wirklich tief berührt.

RN: Gibt es in diesem Kaleidoskop denn auch ein Stück, das noch aus Deiner Studienzeit stammt?
 
CS: Ja, Debussys L`ísle joyeuse. Ich habe dieses virtuose Klavierstück, das Debussy im Jahre 1904 niederschrieb, schon sehr lange in meinem Repertoire, und es markiert in meinem Leben insofern eine Zäsur, als es das letzte Stück war, das ich vor meinem Abschied von der Klassik bei Ulla Graf gelernt und in den Hochschulkonzerten gespielt habe. Es ist ein Ausbruch an Lebensfreude! Egal in welchem Loch ich stecke, dieses Stück hebt mich hervor und heraus. Da sind alle schönen Emotionen drin: Erhabenheit, Fröhlichkeit und ganz viel Lebendigkeit. Wie kaum ein anderes Werk Debussys  feiert es die Unbeschwertheit.  Gegen Ende sollte sich auf jeden Fall der Eindruck eines grossartigen, wilden Festes einstellen.

RN: Kompositionen wie Poulencs Mélancolie und Busonis Bearbeitung des Bach-Chorals Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ, bilden dazu einen scharfen Kontrast. Das ist natürlich Absicht. Trauer und Melancholie gehören nun einmal zum Leben dazu. Im Falle von Poulencs Mélancolie aus dem Jahr 1940 scheint die Musik von innen her zu glühen. Kann es sein, dass Poulenc zu Deinen Lieblingskomponisten gehört? Er ist ja auch auf der CD Paris, mon amour vertreten, die Du vor einiger Zeit mit Pamela Coats produziert hast.

CS: Auf jeden Fall! Schon während des Studiums war ich total verrückt nach seiner Musik! Ich habe damals aber nur die Kammermusik gespielt: die Cellosonate, die Klarinettensonate, die ja auf der CD drauf ist, das Sextett und noch einiges mehr. Dann hab ich geschaut, was er für Klavier solo geschrieben hat, und so fand ich dieses Stück. Und ich habe es geliebt! Poulenc hat den Gemütszustand der „französischen“ Melancholie ganz wunderbar in Töne gesetzt.

RN: Das zweite Stück, das sich durch eine eher kontemplative Haltung auszeichnet, ist Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs Choral Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ. Was hat es denn damit für eine Bewandtnis?

CS: Das Stück ist mit der Erinnerung an meine Mutter verknüpft, weil ich einmal erlebt habe, wie tief sie von Bachs Chorälen ergriffen war. Meine Mutter war  Tontechnikerin beim Rundfunk in Bukarest und arbeitete daher immer mit Musikern zusammen. Die Liebe zur Musik habe ich zweifellos von ihr geerbt. Sie war meine Inspiration und meine Energiequelle. Sie hat nicht die Busoni-Bearbeitung gehört, sondern das chorische Original mit dem Madrigal Chor Bukarest.  Aber ich finde, die Bearbeitung gibt den Geist des Stücks sehr gut wieder. Leider hat sie meine Interpretation der Mélancolie von Poulenc nicht mehr erlebt. Deshalb gehören für mich diese zwei Stücke zusammen

RN: Mit drei kurz vor der Jahrhundertwende entstandenen Préludes von Alexander Skrjabin rückst Du wieder näher an Chopin heran. Man hört diesen Einfluss durchaus, aber gleichzeitig bricht sich Skrjabins ganz eigene Tonsprache Bahn, ohne dass es schon ins Mystische geht.

CS: Ich empfinde diese Musik als geradezu überirdisch zart. Ihre Leichtigkeit und ihre schwebenden Klänge haben mich angerührt. Die Stücke fallen im Übrigen ein wenig aus dem Gesamtkonzept heraus, weil sie mit keinem konkreten Ereignis verbunden sind. Aber als Kompositionen des Fin-de-Siècle passen sie natürlich sehr gut hinein.  

RN: Cantec, das Stück von dem rumänischen Komponisten Paul Constantinescu, ist Dir aber vermutlich nicht einfach so reingerutscht. Wahrscheinlich bist Du mit dieser Musik seit frühester Kindheit vertraut.

CS: Ja, mit rumänischer Folklore, die ja Constantinescu in seiner Musik verarbeitet, bin ich aufgewachsen. Das ist Heimat für mich und der Duft von Kaffee und Schokolade in einem Literaten-Café in Bukarest, wo ich als Kind oft mit meiner Mutter saß. Bukarest ist nicht mehr meine Stadt, aber die Musik, die rupft mich immer noch. Das sitzt wohl in den Genen.

(Das Gespräch mit Carmen Stefanescu fand am 29. September 2019 in der Wohnung der Künstlerin statt)